Innovation statt Invention: Warum Erfindungen allein nicht reichen.
2019 erschien hier ein Gastbeitrag von Dr. Nicolas Combé über die Frage, warum Deutschland Weltklasse erfindet und trotzdem bei der Umsetzung verliert. Sieben Jahre später liest sich der Text wie eine Prophezeiung: BioNTech, Abwanderung, KI. Zeit für eine aktualisierte Fassung — mit dem Originalkern und meiner Einordnung, was seither passiert ist.
Deutschland hat den MP3-Standard erfunden — das Geld damit haben andere verdient. Deutschland hat Weltklasse-Batterieforschung — die Zellfertigung steht in Asien. Und Deutschland hat den erfolgreichsten Corona-Impfstoff der Welt entwickelt — und musste zusehen, wie dieselbe Firma Teile ihrer Krebsforschung nach Großbritannien verlagert.
Das Muster dahinter hat einen Namen: der Unterschied zwischen Invention und Innovation.
Invention ist die Erfindung — die Idee, das Patent, der Forschungsdurchbruch. Innovation ist ihre Durchsetzung am Markt — das Produkt, das gekauft wird, der Prozess, der sich durchsetzt. Wohlstand entsteht nicht durch das Erste. Er entsteht durch das Zweite.
2019 erschien in diesem Blog ein Gastbeitrag von Dr. Nicolas Combé — Mitgründer und bis 2022 CFO der Formycon AG, einem der wenigen deutschen Biotech-Erfolge — der genau diese Unterscheidung am Beispiel der Pharmaindustrie durchdeklinierte. Sieben Jahre später wirkt der Text prophetisch. Deshalb bekommst du hier beides: seinen Kern im Original-Argument — und meine Einordnung, was seither passiert ist und warum uns bei KI gerade dasselbe droht.
Der Gastbeitrag-Kern: Warum die Apotheke der Welt den Anschluss verlor
Die folgenden Abschnitte fassen das Argument von Dr. Nicolas Combé aus dem Original-Gastbeitrag (2019) zusammen — behutsam gestrafft, die Zahlen von damals sind als solche gekennzeichnet.
Die biotechnologische Revolution — und zwei deutsche Dilemmata
Vor rund vierzig Jahren leitete die Fähigkeit, komplexe Proteinstrukturen biotechnologisch herzustellen, einen Paradigmenwechsel ein: weg von niedermolekularen Wirkstoffen, hin zu großen biopharmazeutischen Molekülen mit therapeutischen Durchbrüchen. Dass Deutschland — lange „die Apotheke der Welt“ — in dieser Industrie bis heute eine untergeordnete Rolle spielt, hat zwei Gründe.
Dilemma I: der Ausverkauf ökonomischer Potenziale. Seit Mitte der 1990er Jahre, teils getrieben durch regulatorischen Konsolidierungsdruck, wurden Perlen der deutschen Pharmaindustrie verkauft: Boehringer Mannheim, Hoechst, Knoll Pharma, Schering. Das drastischste Beispiel: Die damals zur BASF gehörende Knoll Pharma entwickelte Humira® — und wurde an die heutige AbbVie verkauft. Humira wurde danach zum jahrelang umsatzstärksten Medikament der Welt mit rund 20 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz (Stand 2019). Wäre nur ein Bruchteil dieser Gewinne in den Standort Deutschland zurückgeflossen, sähe die deutsche Biotech-Landschaft heute anders aus.
Dilemma II: keine neuen Unternehmen, keine disruptive Innovation. Disruptive Veränderungen werden zuallererst von innovativen Neugründungen getragen. Die prägenden Biotech-Firmen — Amgen, Genentech, Biogen, Vertex, Regeneron — entstanden fast alle in den USA. Dasselbe Muster wie in der Informationstechnologie mit Microsoft, Apple, Alphabet, Amazon. Warum das so ist, wird zur entscheidenden Frage für die Zukunftsfähigkeit des Standorts.
Fehlendes Risikokapital — aber Geld allein reicht nicht
Neue Firmen brauchen Risikokapital, gerade in kapitalintensiven, hochregulierten Branchen. In den USA steht davon absolut und relativ um ein Vielfaches mehr zur Verfügung. Politisch gilt: private Investitionen incentivieren statt Produktentwicklungen verstaatlichen — der Staat kann Frühphasen fördern, aber keine Entwicklungen finanzieren, die viele hundert Millionen Euro kosten.
Doch Geld allein genügt nicht: Europäische institutionelle Investoren existieren — sie investieren nur übergewichtet in US-Firmen. Es braucht auch die innovativen Unternehmen, in die investiert werden kann.
Der eigentliche Hebel: akademisches Unternehmertum
Universitäten und Institute wie Max Planck, Fraunhofer oder Helmholtz forschen an der Weltspitze. Aber volkswirtschaftlich entscheidend ist nicht die Erfindung, sondern ihre Durchsetzung am Markt. Heutige Inventionen sind so wissensbasiert und personengebunden, dass die Umsetzung nur durch oder mit den Erfindenden funktioniert: Der Wissensträger muss zum Unternehmer werden — unterstützt von industrieerfahrenen Spezialisten.
Das stellt Anforderungen an die akademische Ausbildung (Unternehmertum kann man lernen — entsprechende Module gehören in naturwissenschaftliche und technische Studiengänge) und an die Politik: Nebenverdienstrichtlinien und Gründungsverbote für Professoren behindern akademisches Unternehmertum. Patentverwertungsstellen übersehen, dass ein ungenutztes Patent nichts wert ist. Harvard und Stanford machen vor, wie es geht: den Erfindern ihr geistiges Eigentum lassen und sich an den entstehenden Firmen beteiligen.
Das Ziel ist ein sich selbst erhaltendes Innovationssystem: Erfolgreiche Unternehmer investieren in neue Unternehmen. Innovation ist eine Funktion aus Unternehmertum und Finanzkapital — diese Gleichung beschrieb Joseph Schumpeter vor über 100 Jahren in seiner „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“.
Soweit der Kern des Gastbeitrags von 2019. Jetzt zu dem, was seither passiert ist.
Was seit 2019 geschah: Combé behielt recht — dreifach
Erstens: Der Humira-Beweis wurde noch drastischer. Seit dem US-Patentablauf 2023 erodiert der Humira-Umsatz unter Biosimilar-Konkurrenz — 2024 lag er noch bei rund 9 Milliarden US-Dollar, weniger als die Hälfte des Spitzenwerts. Das umsatzstärkste Medikament der Welt heißt heute Keytruda (Merck/MSD, rund 29,5 Milliarden US-Dollar). Die Pointe: Mit Biosimilars — also der cleveren Umsetzung nach Patentablauf — verdient heute unter anderem die deutsche Formycon ihr Geld. Innovation statt Invention, im Kleinen.
Zweitens: Deutschland lieferte den perfekten Beleg — in beide Richtungen. BioNTech zeigte, was möglich ist, wenn Weltklasse-Forschung auf Unternehmertum und Kapital trifft: rund 17 bis 19 Milliarden Euro Jahresumsatz auf dem Höhepunkt der Impfstoffjahre, ein deutscher Weltmarktführer quasi über Nacht. Und dann der zweite Akt: 2023 kündigte dieselbe BioNTech an, über eine Milliarde Pfund in Großbritannien zu investieren — Krebsforschungslabore in Cambridge, KI-Zentrum in London. Begründung: schnellere Verfahren, weniger Bürokratie, mehr Fachkräfte. Die Erfindung entstand hier. Skaliert wird woanders.
Drittens: Die Kapitallücke ist amtlich. Venture-Capital-Investitionen in Deutschland liegen bei etwa 0,18 Prozent des BIP — rund ein Achtel des US-Niveaus von 1,4 Prozent (KfW). Immerhin bewegt sich etwas: Die 2024 gestartete WIN-Initiative soll bis 2030 zwölf Milliarden Euro zusätzliches Wachstumskapital mobilisieren. Ein Anfang. Gemessen an Schumpeters Gleichung: die halbe Formel.
Warum uns bei KI gerade dasselbe droht
Und jetzt der Teil, der mich als Keynote Speaker für KI im Mittelstand täglich umtreibt: Das Biotech-Muster wiederholt sich bei Künstlicher Intelligenz — in Echtzeit.
Deutschland hat exzellente KI-Forschung. Deutsche Namen stehen auf den wichtigen Papers, deutsche Institute liefern Weltklasse-Grundlagen. Aber die Modelle, die Plattformen, die Anwendungen, mit denen Geld verdient wird? OpenAI, Anthropic, Google — die Umsetzung findet wieder woanders statt. Wenn wir ehrlich sind, ist das Rennen um die Basistechnologie gelaufen. Was nicht gelaufen ist: das Rennen um die Anwendung. Ich habe das an anderer Stelle ausführlich begründet: Generative KI ist die neue Dampfmaschine — werden wir Anwendungsweltmeister?
Für den Mittelstand heißt Innovation statt Invention nämlich etwas sehr Konkretes:
Innovation statt Invention — im Betrieb
- Du musst KI nicht erfinden. Die Technologie existiert, ist bezahlbar und für jeden verfügbar — die Invention ist erledigt.
- Du musst sie durchsetzen. In deinen Prozessen, Produkten und Geschäftsmodellen — gegen Gewohnheit, Skepsis und „das haben wir immer so gemacht“.
- Der Vorsprung liegt in der Umsetzungsgeschwindigkeit. Nicht wer die beste Technologie kennt, gewinnt — sondern wer sie zuerst in Wertschöpfung übersetzt. Warum das Zeitfenster kleiner ist, als es wirkt: KI verdoppelt sich alle 7 Monate.
Genau das ist Schumpeters Gleichung, auf Betriebsgröße heruntergebrochen: Unternehmertum (deine Entscheidung, anzufangen) mal Kapital (dein Budget für Werkzeuge und Weiterbildung) gleich Innovation. Kein Milliarden-Fonds nötig.
Fazit: Erfinden ist ehrenwert. Umsetzen ist entscheidend.
Combés Text von 2019 endete mit dem Appell, die Politik möge den Rahmen für Innovation setzen. Der Appell gilt unverändert — WIN-Initiative hin oder her. Aber auf eines musst du als Unternehmer nicht warten: den Rahmen im eigenen Betrieb. Die Invention haben andere erledigt. Die Innovation — die Durchsetzung im Markt, in deinem Markt — die gehört dir.
Mehr zur Frage, wie Digitalisierung und Unternehmertum zusammenhängen, findest du auch in meinem Buch.
Vom Erfinden ins Umsetzen kommen?
Ob Keynote für deine Tagung oder Impuls für deine Führungsmannschaft: In 30 Minuten klären wir, wie dein Unternehmen vom KI-Beobachter zum KI-Anwender wird — mit konkreten erste Schritten statt Innovationstheater.
Quellen: Gastbeitrag Dr. Nicolas Combé (2019, Mitgründer und bis 2022 CFO der Formycon AG) · biospace.com — Best-Selling Drugs 2024 · Handelsblatt — BioNTech investiert in Großbritannien · BMF — WIN-Initiative · KfW Research — VC-Marktentwicklung
FAQ: Mindset & Unternehmertum
Was ist der Unterschied zwischen Invention und Innovation? +
Warum scheitert Deutschland an der Innovation, nicht an der Invention? +
Was besagt Schumpeters Formel zur Innovation? +
Was bedeutet Innovation statt Invention für den Mittelstand? +
Keynote Speaker, KI-Experte und Unternehmer mit mehr als 20 Jahren Erfahrung. Mit über 600 Vorträgen im deutschsprachigen Raum, als ehemaliger Bundesvorsitzender der Jungen Unternehmer und Aufsichtsrat einer Genossenschaftsbank verbindet er unternehmerisches Denken mit konkreter KI-Expertise.