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Mindset & Unternehmertum · 10 Min Lesezeit

Golfplatz statt Talkshow: Warum Merz' Vorwurf an die Unternehmer eine Bankrotterklärung ist

Friedrich Merz sagt, er trifft mehr Unternehmer auf dem Golfplatz als in Talkshows. Das offenbart ein fundamentales Missverständnis — über die Aufgabe von Unternehmern und von Politikern.

HP
Dr. Hubertus Porschen Keynote Speaker · KI · Mittelstand
Golfplatz statt Talkshow: Warum Merz' Vorwurf an die Unternehmer eine Bankrotterklärung ist

„Ich treffe jedenfalls am Sonntag mehr Leute auf dem Golfplatz als abends in den Talkshows."

Mit diesem Satz hat Bundeskanzler Friedrich Merz am 11. Juni 2026 im Kaisersaal des Berliner Hotel Adlon vor 450 Familienunternehmern offenbart, was in der deutschen Wirtschaftspolitik fundamental schiefläuft. Nicht die fehlende Medienpräsenz der Unternehmer. Sondern ein Kanzler, der nach über einem Jahr im Amt keine Ergebnisse liefert — und die Schuld bei denen sucht, die jeden Morgen um sechs in der Firma stehen.

Bevor ich erkläre, warum dieses Mindset gefährlich ist, will ich eines klarstellen: Das hier ist keine Pauschalschelte an die Politik. Der Job des Bundeskanzlers ist brutal. 70-Stunden-Wochen, jede Entscheidung unter medialem Dauerfeuer, Koalitionszwänge, 16 Bundesländer, die mitreden wollen, geopolitische Krisen im Wochentakt. Wer glaubt, Regieren sei einfach, hat nie regiert. Diesen Arbeitseinsatz kann man anerkennen und muss man anerkennen.

Aber genau das ist der Punkt: Es ist der Job. Und der Job des Unternehmers ist ein anderer. Merz verwechselt die Rollen — und genau darin liegt das Problem.

Was am 11. Juni im Adlon wirklich passiert ist

Die Stimmung kippte schnell. Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen und Politik, sagte Merz ins Gesicht: „Es passiert etwas, aber es passiert zu wenig und zu langsam."

Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller brachte symbolisch einen „dicken Filzstift" mit — zum Durchstreichen von Subventionen für die Großindustrie. Sie schlug die Rasenmäher-Methode vor: pauschale Kürzungen bei den rund 80 Milliarden Euro jährlichen Bundessubventionen.

Merz reagierte gereizt: „Dann sagen Sie mir konkret welche — und ich gehe rüber ins Finanzministerium und wir streichen die."

Dann nannte er zwei Beispiele — das Dieselprivileg und die EEG-Einspeisevergütung mit 20-jährigen Garantien — und sagte: „Wenn es konkret wird, wird es schwierig."

Leibinger-Kammüller wurde daraufhin noch deutlicher. Sie beschrieb, dass Unternehmer ihr erklärten, sie könnten ihren gut ausgebildeten Kindern guten Gewissens nicht mehr raten, die Betriebe zu übernehmen. Sie forderte Merz auf, alles zu riskieren — „ALL IN", mit geballten Fäusten.

Und Merz? Statt sich mit den konkreten Forderungen auseinanderzusetzen, konterte er mit seinem Golfplatz-Spruch. Sein Appell an die Versammelten: „Sie müssen raus!" — raus aus der Zurückhaltung, rein in die Talkshows.

Die Frage ist nur: Wessen Job ist das eigentlich?

Die Aufgabe eines Unternehmers ist nicht die Talkshow

88 %
aller Unternehmen sind Familienunternehmen
58 %
aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze
67 Mrd. €
Steuerleistung pro Jahr

Familienunternehmen sind das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Sie erwirtschaften 46 Prozent der Gesamtumsätze. Die Top 500 allein beschäftigen knapp drei Millionen Menschen in Deutschland und haben zwischen 2013 und 2022 rund 620.000 neue Arbeitsplätze geschaffen. 48 Prozent des gesamten Körperschafts- und Gewerbesteueraufkommens — 67 Milliarden Euro pro Jahr — kommen von Familienunternehmen.

Und diese Menschen arbeiten. 53 Prozent aller Selbstständigen arbeiten über 48 Stunden pro Woche. Geschäftsführer liegen bei 60 bis 80 Stunden. Nicht am Sonntagabend vor dem Fernseher — sondern in der Firma, beim Kunden, in der Produktion.

Das ist ihr Job. Wertschöpfung. Arbeitsplätze. Innovation. Steuern zahlen. Lehrlinge ausbilden. Sich durch 62,5 Milliarden Euro Bürokratiekosten pro Jahr kämpfen. 12.364 Informationspflichten erfüllen. 22 Prozent ihrer Arbeitszeit für Formulare aufwenden, statt für ihr eigentliches Geschäft.

Die Aufgabe eines Unternehmers ist es nicht, am Sonntagabend bei Maischberger zu sitzen. Und wer das fordert, hat entweder den Job nie gemacht — oder lenkt von seinem eigenen ab.

Ich war in Talkshows. Es bringt nichts.

Ich spreche hier nicht aus der Theorie. Ich habe in verschiedenen Talkshows gesessen, auch bei Anne Will. Und meine Erkenntnis nach diesen Erfahrungen ist ernüchternd.

Dr. Hubertus Porschen als Gast bei Anne Will im ARD-Studio

Was in einer politischen Talkshow passiert, hat mit echtem Diskurs wenig zu tun. Alle Beteiligten — Politiker, Journalisten, die sogenannten Experten — kommen mit vorstudierten Phrasen. Es werden Positionen abgespult, keine Argumente ausgetauscht. Ein wirklicher Erkenntnisgewinn findet selten statt. Die Möglichkeit, als Unternehmer in diesem Format die öffentliche Meinung differenziert zu beeinflussen, ist aus meiner Erfahrung nicht gegeben.

Dazu kommt ein strukturelles Problem: Unternehmer sind selten rhetorisch geschult für dieses spezifische Format. Sie sind geschult darin, Betriebe zu führen, Entscheidungen zu treffen, Mitarbeiter zu motivieren, Kunden zu überzeugen. Das ist eine andere Kompetenz als in 90 Sekunden ein politisches Argument zu parieren, während eine Moderatorin auf die Uhr schaut.

Genau dafür gibt es Politiker. Sie sind gewählt, um öffentlich zu debattieren, Mehrheiten zu organisieren und Entscheidungen zu kommunizieren. Das ist ihre Kernkompetenz. Und wenn ein Kanzler sich wünscht, dass Unternehmer diese Rolle übernehmen, dann fragt man sich: Wer macht dann eigentlich seinen Job?

Die Experten sagen dasselbe wie die Unternehmer

Was die Sache besonders absurd macht: Die Diagnose ist längst gestellt. Nicht nur von den Unternehmern, die Merz kritisiert — sondern von genau den Experten, auf die sich die Bundesregierung beruft.

Lars Feld, ehemaliger Vorsitzender des Sachverständigenrats und einer der einflussreichsten ordoliberalen Ökonomen im CDU-Umfeld, sagt: „Die Regulierungsintensität schnürt Investoren geradezu den Atem ab." Er warnt vor einer „15-jährigen Stagnation" und konstatiert: „Es lohnt sich kaum mehr, in Deutschland zu investieren."

Der Sachverständigenrat selbst — das offizielle wirtschaftliche Beratungsgremium der Bundesregierung — hat in seinem Jahresgutachten 2025/26 ein ganzes Kapitel dem Bürokratieabbau gewidmet. Die Empfehlungen: Unternehmensteuern von 28,5 auf unter 25 Prozent senken, Genehmigungsverfahren digitalisieren, Energiekosten als „Arbeitskosten der Zukunft" behandeln, den Arbeitsmarkt flexibilisieren.

Das deckt sich Punkt für Punkt mit dem, was die Familienunternehmer im Adlon gefordert haben. Es ist keine radikale Wirtschaftslobby-Position. Es ist der wissenschaftliche Konsens.

Und jetzt kommt die Pointe: Friedrich Merz selbst hat bei der Übergabe des Gutachtens gesagt: „Wir teilen die Einschätzung, dass die hohe Steuer- und Abgabenlast die Investitionstätigkeit in Deutschland hemmt." Und: „Jeder Euro, den wir bei der Bürokratie sparen, kann an anderer Stelle in den Unternehmen produktiv eingesetzt werden."

Er kennt die Diagnose. Er teilt sie öffentlich. Er setzt sie nicht um. Und dann sagt er den Unternehmern, sie sollen mehr in Talkshows gehen.

Auf Koalitionszwänge mit der SPD zu verweisen, ist natürlich das naheliegende Argument. Aber es greift zu kurz. Denn erstens war klar, mit wem er koaliert, als er den Vertrag unterschrieben hat. Und zweitens: Wenn die eigenen Sachverständigen, die Wirtschaftsverbände und inzwischen auch die eigene Wählerschaft dieselbe Diagnose stellen — dann ist „schwierige Koalition" keine Erklärung, sondern eine Ausrede.

Null Prozent Wachstum — und der Kanzler will PR

Die Zahlen sind verheerend. Und sie machen deutlich, warum die Golfplatz-Aussage so viele Unternehmer trifft.

+19 %
Weltwirtschaftswachstum seit 2019
~0 %
Deutschlands Wachstum seit 2019
400.000
verlorene Industriearbeitsplätze

Die Weltwirtschaft ist seit 2019 um rund 19 Prozent gewachsen. Deutschland: faktisch null. Das ist kein Konjunkturzyklus. Das ist ein Strukturproblem.

43 Prozent der Industriebetriebe planen Auslandsinvestitionen — laut DIHK-Konjunkturumfrage 2026. 41 Prozent davon aus reinen Kostengründen, der höchste Wert seit 2003. Fast jeder Zweite dieser Kostenspar-Investoren plant gleichzeitig Beschäftigungsabbau in Deutschland.

Ausländische Investitionen in Deutschland? Auf dem niedrigsten Stand seit 2009. 548 Projekte im Jahr 2025 — ein Rückgang um 51 Prozent seit 2017.

Konkret heißt das: VW baut 50.000 Stellen ab. Miele verlagert die Waschmaschinenproduktion nach Polen. BASF investiert 10 Milliarden in China statt in Ludwigshafen. Bosch baut für 1,2 Milliarden ein Werk in Polen. Die Liste wird jeden Monat länger.

Im Koalitionsvertrag stand: 25 Prozent weniger Bürokratiekosten. Die Realität ein Jahr später: Der Bürokratiekostenindex ist gestiegen, nicht gesunken. Eine Windkraftgenehmigung dauert sechs Jahre und füllt 45 Aktenordner. Die Anerkennung einer ausländischen Fachkraft dauert bis zu zwei Jahre.

79 Prozent der Mittelständler sehen laut BVMW-Umfrage keine ernsthafte Bemühung der Regierung um ihre Belange. 64 Prozent bezweifeln, dass die versprochene Wirtschaftswende gelingt.

Und in dieser Lage sagt der Kanzler den Unternehmern, ihr Problem sei mangelnde Talkshow-Präsenz.

Warum dieses Mindset gefährlich ist

Die Golfplatz-Aussage ist nicht einfach eine unglückliche Formulierung. Sie offenbart ein Muster: Verantwortung verschieben statt Rahmen setzen.

Wenn die Politik den Unternehmern die Verantwortung für den öffentlichen Diskurs zuschiebt, lenkt sie von ihrer Kernaufgabe ab. Die Aufgabe der Politik ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen Unternehmen investieren, wachsen und Arbeitsplätze schaffen können. Nicht umgekehrt.

Die Unternehmer sind im Gespräch. Der BVMW hat einen Brandbrief geschrieben. Die Familienunternehmer haben die Vertrauensfrage gefordert. Die DIHK spricht von einer „dysfunktionalen und unzuverlässigen" Koalition. 56 Manager haben den „Aufruf von Nürnberg" unterzeichnet. Das Problem ist nicht mangelnde Kommunikation. Das Problem sind mangelnde Ergebnisse.

Merz vergleicht sich selbst mit Adenauer und sagt: „Eine wohlhabende Gesellschaft zu verändern ist viel schwieriger als ein Land nach Krieg und Zerstörung wieder aufzubauen." Das mag sogar stimmen. Aber genau dafür wurde er gewählt. Nicht, damit er den Unternehmern erklärt, sie sollen öfter ins Fernsehen gehen.

Was wir wirklich brauchen

Deutschland braucht keine Talkshow-CEOs. Deutschland braucht einen Staat, der seinen Job macht.

Genehmigungen, die Wochen statt Jahre dauern. Bürokratie, die tatsächlich abgebaut wird — nicht nur in Koalitionsverträgen. Steuern, die Investitionen ermöglichen statt verhindern. Energiekosten, die im internationalen Vergleich bestehen. Einen Arbeitsmarkt, der flexibel genug ist, um die Transformation durch KI zu bewältigen.

Die Diagnose ist da. Die Sachverständigen haben sie gestellt. Die Unternehmer haben sie bestätigt. Sogar der Kanzler selbst hat gesagt, er teile die Einschätzung.

Was fehlt, ist die Umsetzung. Und die ist nun wirklich nicht der Job der Unternehmer.

Trumpf-Chefin Leibinger-Kammüller hat es im Adlon auf den Punkt gebracht: „Wir müssen dieses Land retten." Die Unternehmer sind dazu bereit. Sie stehen jeden Morgen um sechs in der Firma, nicht auf dem Golfplatz.

Es wäre an der Zeit, dass die Politik dasselbe Engagement zeigt — an ihrem Arbeitsplatz, nicht vor der Kamera. Führung im KI-Zeitalter bedeutet Ergebnisse liefern, nicht Rollen verwechseln.


Quellen: Stiftung Familienunternehmen (Daten/Fakten 2025), DIHK-Konjunkturumfrage 2026, EY Standortbarometer 2026, BVMW-Mittelstandsumfrage, Sachverständigenrat Jahresgutachten 2025/26, Statistisches Bundesamt, Handelsblatt, t-online.

FAQ: Mindset & Unternehmertum

Was hat Friedrich Merz beim Tag der Familienunternehmer gesagt? +
Beim Tag der Familienunternehmer im Berliner Hotel Adlon am 11. Juni 2026 sagte Bundeskanzler Merz vor rund 450 Unternehmern: 'Ich treffe jedenfalls am Sonntag mehr Leute auf dem Golfplatz als abends in den Talkshows.' Er forderte die Unternehmer auf, sich stärker in der öffentlichen Debatte zu engagieren und in Talkshows aufzutreten.
Was ist die Aufgabe von Unternehmern in Deutschland? +
Familienunternehmen stellen 88 Prozent aller deutschen Unternehmen, schaffen 58 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze und zahlen 67 Milliarden Euro Steuern pro Jahr. Ihre Aufgabe ist Wertschöpfung, Innovation und Arbeitsplatzschaffung — nicht PR in Talkshows.
Warum ist der Standort Deutschland für Unternehmer problematisch? +
Deutschland verzeichnet seit 2019 faktisch null Wachstum, während die Weltwirtschaft um 19 Prozent gewachsen ist. 62,5 Milliarden Euro Bürokratiekosten pro Jahr, 12.364 Informationspflichten und 400.000 verlorene Industriearbeitsplätze seit 2019 belasten den Standort massiv. 43 Prozent der Industriebetriebe planen Auslandsinvestitionen.
Was empfehlen die Wirtschaftsweisen zur Stärkung der Wirtschaft? +
Der Sachverständigenrat fordert systematischen Bürokratieabbau, Senkung der Unternehmenssteuern von 28,5 auf unter 25 Prozent, niedrigere Energiekosten und mehr Arbeitsmarktflexibilität. Der Ökonom Lars Feld warnt vor einer 15-jährigen Stagnation und sagt: 'Die Regulierungsintensität schnürt Investoren den Atem ab.' Die Empfehlungen decken sich weitgehend mit den Forderungen der Unternehmer.
Was fordern die Familienunternehmer von der Bundesregierung? +
Die Stiftung Familienunternehmen und der BVMW fordern unter anderem: 25 Prozent weniger Bürokratiekosten wie im Koalitionsvertrag versprochen, Subventionsabbau, Senkung der Energiekosten, Steuerreform für den Mittelstand, Ende der Frühverrentungsanreize und schnellere Genehmigungsverfahren. 79 Prozent der Mittelständler sehen keine ernsthafte Bemühung der Regierung.
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Dr. Hubertus Porschen Keynote Speaker · KI-Experte · Unternehmer

Keynote Speaker, KI-Experte und Unternehmer mit mehr als 20 Jahren Erfahrung. Mit über 600 Vorträgen im deutschsprachigen Raum, als ehemaliger Bundesvorsitzender der Jungen Unternehmer und Aufsichtsrat einer Genossenschaftsbank verbindet er unternehmerisches Denken mit konkreter KI-Expertise.

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