Speaker's Cut #001: AI Date Frankfurt — Goldgräberstimmung, Mut und ein 25-Sonnenstudios-Unternehmer
Nach dem AI Date in Frankfurt: Was Ralf Kleber über Mut gesagt hat, warum Berater gleichzeitig disruptiert werden und boomen — und ein Unternehmer, der's einfach gemacht hat.
Frankfurt, AI Date. Bühne, Vortrag über KI in der Führung — und danach den ganzen Tag durch die Veranstaltung gewandert, mit Leuten gesprochen, Input gesammelt. Köln dann am Abend zur Belohnung. Hier die Beobachtungen, die hängengeblieben sind.
Beobachtung 1: Die Diskrepanz wird größer, nicht kleiner
Auf der einen Seite Leute, die mit Claude Code arbeiten, eigene Git-Repos aufgesetzt haben, Visual Studio offen, KI in echte Workflows integriert. Auf der anderen Seite: “Wir haben einen privaten Copilot gebunden, aber das geht bei uns noch nicht.” Und eine ganze Reihe weiterer Ausreden.
Das ist nicht “Mittelstand vs. Konzern” oder “alt vs. jung”. Das ist “macht vs. fragt”. Die Lücke wird nicht kleiner, weil die Macher-Seite gerade jeden Monat einen Sprung nach vorne macht.
Beobachtung 2: Ralf Kleber und der Mut zum Scheitern
Ralf Kleber, ehemaliger Amazon-CEO Deutschland, hat eine starke Keynote gehalten. Kernaussage: Mutig sein heißt nicht, dass alles funktioniert. Es heißt, dass viele Sachen nicht funktionieren — und dass man daraus lernt.
Er hat das mit Amazon-Beispielen unterlegt, in denen Innovation gescheitert ist. Plus ein paar coole Konzepte aus dem Amazon-Inneren: Mitarbeiter-Ideen werden nicht kritisiert. Vorschläge kommen auf einem One-Pager, nicht in Meetings. Weg von der Meetingkultur, rein in die schriftliche Klarheit.
Ein guter Impuls, weil er genau die Lücke trifft, die in den meisten Mittelständlern offen liegt: Wir reden über Mut, aber operativ ist Scheitern weiterhin ein Karriere-Risiko, nicht ein Lerninvestment. Meine eigene These an dem Tag — der Fisch stinkt vom Kopf — hat dieselbe Stoßrichtung. Wer als Führungskraft nicht selbst scheitern darf, wird auch im Team kein Scheitern erlauben. Mehr dazu in meinem Text Warum generative KI Führung erwachsen macht.
Beobachtung 3: Der Sonnenstudio-Unternehmer
Letzte Woche auf einer anderen Keynote getroffen, heute spontan nach Frankfurt durchgekommen, weil ich geschrieben hatte, dass ich da bin. Junger Typ, 25 Sonnenstudios, seit 6 Monaten KI im Einsatz — und hat in der Zeit das komplette Unternehmen umgestellt.
Er hat seine Apps gezeigt, sein Kameräg-System, die Workflows. Das ist ein Macher. Keine Frage nach “was soll ich tun?” oder “wo fange ich an?” — sondern Umsetzung, die schon läuft. Genau dieser Typ Unternehmer, der mich daran erinnert, warum mich der KI-Mittelstand so interessiert.
Es gibt keine Wunder — aber es gibt Disziplin. Der Typ ist der Beweis.
Hot Take: Beratung wird disruptiert UND erlebt einen Boom
Klingt paradox, ist aber konsistent. KI macht inzwischen einen großen Teil der reinen Wissensarbeit, die früher Berater geleistet haben. Trotzdem boomt die Beratungsbranche gerade — weil Unternehmen schlicht nicht wissen, wohin sie wollen.
Die Auflösung steckt in der 70/30-Regel: 70 Prozent ist Mensch und Kultur, 30 Prozent ist Technik. Hinter dieser Floskel steckt eine sehr konkrete Wahrheit, die mir an dem Tag auch andere Berater bestätigt haben: die Unternehmen haben nicht verstanden, wie wichtig der Change-Aspekt ist. Die Schulung. Das Mitnehmen. Das Wirklich-fit-machen.
So lange das so bleibt, bleibt Beratung gefragt — aber sie sieht anders aus als früher.
Was ich mitnehme
Wenn Gründer mich fragen “was soll ich machen?”, ist meine Antwort immer dieselbe: keine Ahnung, ausprobieren, in die Umsetzung, lernen, nächstes machen.
Die meisten hören das, finden’s cool — und fragen drei Sätze später trotzdem nach einem konkreten Plan. Macht nichts. Beim 25-Sonnenstudios-Unternehmer hat der Penny irgendwann gefallen. Bei den anderen vielleicht auch. Vielleicht auch nicht.
Übrigens: zwei Sätze Squats vor dem Vortrag, zwei danach. Sieht bestimmt total dämlich aus auf den Aufnahmen. Aber so gesund wie eine halbe Stunde gehen — und ich brauchte den Energie-Schub. Köln dann am Abend. Schönste Stadt der Welt. Oder zumindest Deutschland.
Bis bald auf der nächsten Keynote.
Keynote Speaker, KI-Experte und Unternehmer mit mehr als 20 Jahren Erfahrung. Mit über 600 Vorträgen im deutschsprachigen Raum, als ehemaliger Bundesvorsitzender der Jungen Unternehmer und Aufsichtsrat einer Genossenschaftsbank verbindet er unternehmerisches Denken mit konkreter KI-Expertise.