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Speaker's Cut · 5 Min Lesezeit

Speaker's Cut #003: Vier Städte, vier Tage — Angst vor Inkompetenz, Wissen aus den Köpfen und das Messer-Missverständnis

Vier Städte in vier Tagen: Warum die eigentliche KI-Angst nicht der Jobverlust ist, wieso Erfahrung plötzlich zum Asset wird — und was das Messer-Bild über die falsche Haltung verrät.

HP
Dr. Hubertus Porschen Keynote Speaker · KI · Mittelstand
Speaker's Cut #003: Vier Städte, vier Tage — Angst vor Inkompetenz, Wissen aus den Köpfen und das Messer-Missverständnis

Vier Städte in vier Tagen — und die Woche war noch nicht mal vorbei. Angefangen bei einem Tabakblättchenhersteller (ja, wirklich), dann zwei Tage Workshop in Stuttgart, Dienstagabend um 21 Uhr noch eine Dinner Speech in der Nähe von Frankfurt. 41 Grad draußen, Augenränder inklusive. Ist eben nicht nur Glanz und Gloria, dieser Job, sondern auch viel Hin und Her. Hier die Sachen, die hängengeblieben sind.

Erkenntnis 1: Die eigentliche Angst ist die vor der eigenen Inkompetenz

Ich glaube nicht, dass Menschen hauptsächlich Angst vor KI haben, weil sie ihnen den Arbeitsplatz wegnimmt. Ein Großteil der Unsicherheit entsteht durch etwas anderes: das Gefühl der eigenen Inkompetenz, wenn man anfängt, etwas wirklich Neues zu lernen.

Denk mal darüber nach. Die letzten Jahre und Jahrzehnte haben wir als Wissensarbeiter auf der Fachebene eine Menge dazugelernt. Aber was die Neuverteilung von Arbeit angeht, echte neue Arbeitsweisen, wirkliche Kompetenzen im Verrichten von Dingen — da haben wir nicht viel dazugelernt. Jetzt kommt eine neue Technologie, und auf einmal fühlen wir uns ziemlich dumm: wenn der Prompt nicht sitzt, wenn die kleine Automatisierung nicht klappt, wenn es uns zu technisch wird.

Das ist die große Herausforderung. Nicht die Frage nach mehr oder weniger Arbeitsplätzen, sondern das Kompetenz-Paradoxon: Lernen fühlt sich erstmal wie Inkompetenz an. Wer das als Führungskraft nicht versteht, adressiert die falsche Angst.

Erkenntnis 2: KI ohne Kontext ist nichts wert — und Erfahrung wird zum Asset

Der Vortrag beim Tabakblättchenhersteller ging um KI und Wissensmanagement. Und meine zentrale Botschaft war: Wissen ist elementar. KI ohne Kontext ist eigentlich gar nichts wert. Generisches Wissen hat keinen Wert mehr — das kann jeder abrufen.

Es gibt drei Hebel, an denen Unternehmen ansetzen müssen. Erstens: das Wissen der Organisation dokumentieren und mit der KI kombinieren. Zweitens: das Wissen aus den Systemen — CRM, ERP, alles, was schon da ist. Und drittens, der größte Hebel: das Wissen aus den Köpfen der Menschen. Genau darum geht es beim Knowledge Layer.

Und daraus folgt etwas Schönes: KI ist vielleicht die erste Technologie, die erfahrene Menschen gegenüber jungen bevorteilt. Wer Erfahrungswissen im Kopf hat und es mit KI kombiniert, erzeugt einen viel wertvolleren Asset als der Junior, der noch nichts weiß. Das ist eine Riesenchance — gerade für die Älteren.

Erkenntnis 3: Bezahlt Output, nicht Input

Was ist damit die Aufgabe der Unternehmen? Die Menschen zu ermutigen, zu befähigen — und ihnen zu erklären, warum sie das Wissen aus ihren Köpfen mit der KI teilen sollen. Vor allem aber: Anstrengung nicht zu sanktionieren.

Kleines Rechenbeispiel. Du bist durch KI 20 Prozent schneller. Du kombinierst dein Wissen mit dem der Maschine und machst deine Sachen auf einmal in drei statt in fünf Tagen. Wenn du jetzt aber nur noch für drei Tage bezahlt wirst — dann machst du das als Mitarbeiter nicht. Logisch. Niemand rationalisiert sich freiwillig die eigene Vergütung weg.

Unternehmen müssen hier Lösungen finden. Wir sollten nicht mehr nach Input bezahlen, sondern nach Output. Und die Bestrebung, Neues zu lernen, dürfen wir auf keinen Fall bestrafen. Das ist Führungsarbeit — und der Grund, warum der Chef im KI-Zeitalter mehr Coach als Kontrolleur sein muss.

Erkenntnis 4: Das Team, das über Nacht einen Verhandlungsagenten baute

Zweiter Stopp: zweitägiger Workshop in Stuttgart, Automotive-Branche. Von außen hätte ich das gar nicht gedacht, aber die sind extrem weit — mega coole Kultur, viele engagierte Leute.

Ich hatte abends ein bisschen was zum Thema Verhandlung erzählt. Am nächsten Tag hatten zwei von ihnen schon einen fertigen Verhandlungsagenten gebaut. Die sind nach 19 Uhr nach Hause gefahren, haben sich zu zweit hingesetzt und aus dem Gelernten einen Agenten gemacht. Am nächsten Morgen haben wir den in der Gruppe präsentiert, gefeedbackt und konnten direkt weiterarbeiten.

Das Ergebnis: Wir haben zum ersten Mal live verhandelt und unsere Verhandlung nicht nur durch den Agenten vorbereiten, sondern konkret unterstützen lassen. Genau das meine ich, wenn ich sage, dass nicht die KI besser verhandelt, sondern der Mensch mit KI. Dieses Engagement — das ist der Unterschied.

Erkenntnis 5: Das Messer-Missverständnis

Dritter Vortrag, eine Dinner Speech in der Nähe von Frankfurt. Eine Holding, rund 50 Geschäftsführer im Raum. Technisch waren die durchaus weit. Aber im Kopf, bei der Haltung, waren die einzelnen Geschäftsführer doch noch ein ganzes Stück hinten dran. Und das ist ein Problem.

Nach dem Vortrag kam ein Feedback, das ich hier teilen will: “Die KI ist wie ein Messer. Ich kann damit Gemüse schneiden und was Gutes machen — aber ich kann auch jemanden ermorden.”

Diese Analogie höre ich nicht zum ersten Mal. Und wenn jemand so anfängt zu sprechen, weiß ich schon: Er hat das Thema nicht durchdrungen und geht mit einer falschen Haltung heran. Es ist die Distanz-Perspektive, die nach Ausrede riecht, statt sich einzulassen. Genau deshalb scheitert KI an der Kultur, nicht an der Technik. Die Werkzeuge sind da. Die Haltung fehlt.

Was ich mitnehme

Drei Vorträge, drei Städte, ein roter Faden: Die Technik ist selten das Nadelöhr. Es ist die Angst vor der eigenen Inkompetenz, es sind Vergütungsmodelle, die Lernen bestrafen, und es ist die Haltung, die aus einem Werkzeug einen Bedrohungsvergleich macht. Wer diese drei Dinge löst, ist weiter als die meisten Konzerne mit dem größten Budget.

Und ganz ehrlich: Nach 41 Grad und vier Städten freue ich mich total aufs Wochenende — und noch mehr auf nächste Woche, wenn es auf 26 Grad runtergeht. Umso mehr Bock auf das Thema KI.

Speaker's Cut

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Und am Ende natürlich wieder zwei Sätze Squats — sieht auf den Aufnahmen bestimmt wieder total dämlich aus. Bis bald auf der nächsten Keynote. Alle Folgen des Speaker’s Cut gibt es hier im Blog.

FAQ: Speaker's Cut

Was ist der Speaker's Cut? +
Eine persönliche Reflexion nach einem oder mehreren Live-Vorträgen. Keine polierten Frameworks, sondern das, was hängengeblieben ist — Beobachtungen, Gespräche, Feedback. Alle Folgen gibt es im Blog unter der Kategorie Speaker's Cut.
Wovor haben Menschen bei KI wirklich Angst? +
Nicht in erster Linie vor dem Jobverlust. Ein Großteil der Unsicherheit entsteht durch das Gefühl der eigenen Inkompetenz, wenn man etwas wirklich Neues lernen muss. Wir haben jahrelang Fachwissen dazugelernt, aber kaum neue Arbeitsweisen. Wenn dann der Prompt nicht funktioniert, fühlt man sich dumm — und das ist die eigentliche Hürde.
Warum bevorteilt KI erfahrene Mitarbeiter? +
Weil KI ohne Kontext wenig wert ist. Generisches Wissen ist zur Massenware geworden. Wer Erfahrungswissen im Kopf hat und es mit KI kombiniert, erzeugt viel mehr Wert als ein Junior, der beides noch nicht besitzt. KI ist damit vielleicht die erste Technologie, die erfahrene Menschen strukturell bevorteilt.
Warum sollten Unternehmen nach Output statt nach Input bezahlen? +
Wenn ein Mitarbeiter durch KI seine Arbeit in drei statt fünf Tagen erledigt, aber dann nur noch für drei Tage bezahlt wird, wird er die KI nicht nutzen. Wer die Anstrengung, Neues zu lernen, faktisch sanktioniert, verhindert Adoption. Deshalb muss die Vergütung am Ergebnis hängen, nicht an der abgesessenen Zeit.
HP
Dr. Hubertus Porschen Keynote Speaker · KI-Experte · Unternehmer

Keynote Speaker, KI-Experte und Unternehmer mit mehr als 20 Jahren Erfahrung. Mit über 600 Vorträgen im deutschsprachigen Raum, als ehemaliger Bundesvorsitzender der Jungen Unternehmer und Aufsichtsrat einer Genossenschaftsbank verbindet er unternehmerisches Denken mit konkreter KI-Expertise.

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