Abschalten lernen als Unternehmer: Urlaub, harter Reset — oder jeden Tag ein bisschen?
87 Prozent der Selbstständigen sind im Sommerurlaub erreichbar. Bei Angestellten sind es 63. Die Frage ist nicht, ob das so ist — die Frage ist, ob das ein Problem ist. Ein ehrlicher Zwischenstand ohne fertige Antwort.
- Der Moment, in dem es mir bewusst wurde: ein Coaching und eine unbequeme Erkenntnis
- Wir sind alle gleich sozialisiert: arbeiten, funktionieren, ein paar Wochen Urlaub
- Mein Experiment: 8 Wochen radikal reduzierter Social-Media-Konsum
- Drei Lebensmodelle für Erholung — und warum das dritte mich nicht loslässt
- Was ich jetzt konkret ausprobiere
- Fazit: Die falsche Frage ist „Wie viel Urlaub brauche ich?“
Das Foto hier oben ist eine Lüge. Zumindest ein bisschen. Ich liege da entspannt auf einer Liege, und es sieht aus, als könnte ich abschalten. Die Wahrheit: Komplett abschalten ist meine größte persönliche Herausforderung. Ich bin eigentlich immer on fire — Keynotes, zwei Unternehmen, ständig neue Ideen. Das ist kein Jammern, ich liebe diesen Zustand. Aber genau deshalb stelle ich mir seit einiger Zeit eine Frage, die mich inzwischen mehr beschäftigt als jede Umsatzzahl: Wie findet man das richtige Maß zwischen Spannung und Erholung — in einer Zeit, in der wir sowieso immer online sind?
Dieser Artikel ist keine Anleitung. Er ist ein ehrlicher Zwischenstand. Vielleicht erkennst du dich wieder.
Der Moment, in dem es mir bewusst wurde: ein Coaching und eine unbequeme Erkenntnis
Richtig bewusst wurde mir das Problem nicht auf der Liege, sondern in einem Coaching zu meinem Persönlichkeitsprofil. Ich habe das gemacht, weil ich verstehen wollte, wie ich eigentlich ticke — solche Persönlichkeitstests liefern selten Überraschungen über die eigenen Stärken, aber manchmal eine über die eigenen Lücken. Bei mir hat eine Erkenntnis kalt erwischt: Außer Sport habe ich fast nichts in meinem Leben, bei dem ich wirklich abschalte.
Keine Hobbys ohne Zweck. Kein Modus ohne Output. Selbst Dinge, die nach Freizeit aussehen, haben bei mir fast immer eine Funktion: Netzwerken, Lernen, Content, Ideen. Sport ist die einzige Ausnahme — da ist der Kopf tatsächlich leer. Was ich beim Sport sonst noch gelernt habe, hat mit Erholung wenig und mit dem Umgang mit Niederlagen viel zu tun. Aber der Kopf ist leer, und darauf kommt es an dieser Stelle an.
Das ist erstmal keine Katastrophe. Aber es ist ein Muster. Und wer Unternehmen führt, kennt dieses Muster wahrscheinlich: Der Motor läuft immer. Die Frage ist nur, ob das Absicht ist — oder ob man schlicht verlernt hat, ihn auszumachen.
Ich habe an anderer Stelle geschrieben, dass KI-Erfolg im Mittelstand harte Arbeit ist und nicht nach 17 Uhr endet. Das stimmt weiterhin. Aber es ist nur die halbe Wahrheit. Denn ein Motor, der nie ausgeht, produziert irgendwann nicht mehr Leistung — sondern Verschleiß.
Wir sind alle gleich sozialisiert: arbeiten, funktionieren, ein paar Wochen Urlaub
Wenn es um Erholung geht, denken die meisten von uns in einem Modell, das wir nie hinterfragt haben: Man arbeitet, man funktioniert — und dafür gibt es ein paar Wochen Urlaub im Jahr. Angestelltenlogik, seit Generationen eingeübt. Elf Monate Vollgas, ein Monat Strand.
Nur: Bei mir existiert dieser klassische Urlaub in der Form gar nicht. Ich verreise viel, gerade in den Ferienzeiten. Aber dort komplett nicht zu arbeiten? Funktioniert nicht. Ein bisschen muss ich immer — Mails, Koordination, wichtige Entscheidungen. Und ehrlicherweise: Ich will es oft auch. Ganz ohne fühlt es sich nicht nach Freiheit an, sondern nach Kontrollverlust.
Damit bin ich, wie sich zeigt, ziemlich genau der Normalfall.
Diese dritte Zahl ist die eigentlich interessante. Der Digitalverband Bitkom hat im Juli 2026 gefragt, warum Berufstätige im Urlaub ans Telefon gehen. 53 Prozent nennen die Erwartung von Kollegen, 47 Prozent die von Vorgesetzten, 34 Prozent Kundenerwartungen. Nur 16 Prozent sagen: Ich mache das, weil ich es will.
Bei Angestellten ist Erreichbarkeit im Urlaub also überwiegend Fremdbestimmung. Bei Selbstständigen ist sie fast Normalzustand. Beides ist ein Problem — aber ein völlig unterschiedliches. Der Angestellte muss lernen, eine Erwartung von außen zurückzuweisen. Der Unternehmer muss etwas viel Schwierigeres lernen: eine Erwartung an sich selbst zurückzuweisen.
Und hier lohnt sich ein ehrlicher Blick, weil kaum jemand darüber spricht. Man postet die Strandbilder und beantwortet zwischen zwei Cocktails die Mails. Die Frage ist nicht, ob das so ist. Die Frage ist, ob das ein Problem ist.
Mein Experiment: 8 Wochen radikal reduzierter Social-Media-Konsum
Ein Hebel, den ich gefunden habe: Seit acht Wochen habe ich meinen Social-Media-Konsum massiv eingeschränkt. Nicht gelöscht — ich poste weiter, das ist Teil meines Geschäfts. Aber das ziellose Scrollen, das Konsumieren, das ständige „nur kurz reinschauen“: radikal runter.
Die Unterscheidung ist wichtig, weil sie den üblichen Digital-Detox-Ratschlag entschärft. Es geht nicht um den Verzicht auf ein Werkzeug, sondern um die Trennung zweier völlig verschiedener Tätigkeiten, die zufällig in derselben App stattfinden: Produzieren und Konsumieren. Das eine ist Arbeit mit Zweck. Das andere ist Aufmerksamkeit, die abfließt, ohne dass man es merkt.
Das Ergebnis hat mich überrascht. Der Kopf wird spürbar ruhiger. Die Gedanken werden länger, nicht mehr alle 30 Sekunden unterbrochen. Ich hätte nicht gedacht, dass der Effekt so deutlich ist — und so schnell kommt.
Aber — und das ist der ehrliche Teil — an einer Stelle scheitere ich weiterhin: Jeden Tag einmal Mails checken, „nur kurz koordinieren“. Auch im Urlaub. Auch am Wochenende. Ich rede mir das als Verantwortung schön. Vielleicht ist es das sogar. Vielleicht ist es aber auch einfach die Unfähigkeit, loszulassen. Ich bin da selbst noch nicht sicher — und genau deshalb schreibe ich diesen Artikel.
Drei Lebensmodelle für Erholung — und warum das dritte mich nicht loslässt
Wenn ich das alles sortiere, sehe ich drei grundsätzliche Modelle, wie man als Unternehmer mit Erholung umgehen kann.
Klassischer Urlaub, harter Reset, tägliches Maß.
- Der klassische Urlaub — vier, fünf, sechs Wochen im Jahr raus, so wie es alle machen.
- Der harte Reset — ein- bis zweimal im Jahr ein bis zwei Wochen wirklich komplett offline.
- Das tägliche Maß — keine Trennung zwischen Arbeit und frei, dafür jeden Tag feste Reset-Zeiten.
Modell 1: Der klassische Urlaub. Vorteil: gesellschaftlich akzeptiert, planbar, die Familie weiß, woran sie ist. Der Kalender trifft die Entscheidung, nicht die Disziplin. Nachteil: Für viele Unternehmer ist er eine Fiktion. Wer sein Unternehmen liebt und Verantwortung trägt, schaltet nicht per Kalendereintrag ab — die 87 Prozent oben sind der Beleg dafür. Und wer den Urlaub braucht, um sich von seinem Alltag zu erholen, hat vielleicht eher ein Alltagsproblem als ein Urlaubsdefizit.
Modell 2: Der harte Reset. Kein Postfach, keine Koordination, echter Systemneustart. Vorteil: Der Kopf kommt tatsächlich runter — Tiefenerholung statt Oberflächenpause. Nach drei, vier Tagen passiert etwas, das an einem Wochenende nie passiert. Nachteil: Er ist brutal in der Vorbereitung. Er verlangt Strukturen und Menschen, die übernehmen — und wer die nicht hat, verbringt die zwei Wochen davor damit, zwei Wochen Abwesenheit vorzubereiten. Vor allem aber beantwortet er nicht die Frage, wie die anderen 50 Wochen aussehen.
Modell 3: Das tägliche Maß. Der Gedanke, der mich gerade am meisten beschäftigt: Warum soll eigentlich nur der Urlaub entspannt sein — und nicht jeder Tag? In diesem Modell gibt es keine künstliche Trennung zwischen „Arbeit“ und „frei“. Stattdessen hat jeder Tag feste Reset-Zeiten: Meditation, Sport, Spazieren ohne Podcast, Rituale ohne Bildschirm. Abschalten nicht als Ausnahmezustand zweimal im Jahr, sondern als tägliche Praxis — als Fähigkeit, die man trainiert wie einen Muskel.
Das dritte Modell klingt für mich am logischsten. Es passt zu einem Leben, in dem Arbeit und Leben sowieso verschwimmen — nicht als Burnout-Risiko, sondern als bewusste Entscheidung. Es ist auch das einzige der drei, das nicht davon abhängt, dass gerade nichts brennt.
Aber es ist gleichzeitig das anspruchsvollste. Es verlangt Disziplin ausgerechnet in der Disziplin, die mir am schwersten fällt. Loslassen nach Stundenplan. Und niemand kontrolliert dich dabei — es gibt keinen Kalendereintrag, der die Entscheidung übernimmt.
Was ich jetzt konkret ausprobiere
Ich habe keine fertige Antwort — aber drei Dinge, die ich gerade teste:
Erstens bleibt die Social-Media-Reduktion. Acht Wochen haben mir gezeigt, dass der Effekt real ist. Das ist keine Phase mehr, das ist eine Entscheidung.
Zweitens experimentiere ich mit festen täglichen Reset-Zeiten — bewusst niedrigschwellig. Nicht „ab morgen meditiere ich eine Stunde“, sondern kleine, feste Fenster ohne Input und ohne Output. Sport hatte diese Funktion bei mir immer schon; jetzt geht es darum, eine zweite und dritte Sache zu finden, die ohne Leistungsgedanken funktioniert. Das ist schwerer, als es klingt — mein erster Reflex bei jeder neuen Aktivität ist die Frage, wozu sie gut ist.
Drittens stelle ich den täglichen Mail-Check auf den Prüfstand — nicht, indem ich ihn verbiete, sondern indem ich ihn begrenze: ein festes Zeitfenster, einmal am Tag, danach bewusst raus. Ob das Pragmatismus oder Selbstbetrug ist, werde ich sehen.
Vielleicht scheitere ich an allen dreien. Dann schreibe ich auch darüber.
Fazit: Die falsche Frage ist „Wie viel Urlaub brauche ich?“
Wenn ich eine Sache aus Coaching, Social-Media-Experiment und diesem Nachdenken mitnehme, dann diese: „Wie viel Urlaub brauche ich?“ ist wahrscheinlich die falsche Frage. Die richtige lautet: Wie baue ich ein Leben, in dem nicht drei Wochen im Jahr die Erholung für 49 Wochen Anspannung leisten müssen?
Das ist im Kern dasselbe Muster, über das ich beim Thema kurzfristige Ziele statt langfristigem Mindset geschrieben habe. Wir optimieren den Ausnahmezustand und vernachlässigen den Normalzustand. Beim Urlaub ist es genau umgekehrt zu dem, was wir glauben: Nicht die drei Wochen entscheiden, sondern die 49.
Für Angestellte mag das Standardmodell funktionieren. Für Unternehmer, die ihr Ding lieben und trotzdem nicht ausbrennen wollen, braucht es vermutlich etwas anderes: die Fähigkeit, jeden Tag abzuschalten — und die Ehrlichkeit, zuzugeben, wie schwer genau das ist.
Mich interessiert dein Modell: Klassischer Urlaub, harter Reset oder tägliches Maß — was funktioniert bei dir wirklich? Schreib es mir. Ich lese jede Antwort. Vielleicht erst morgen — aber das ist ja genau der Punkt.
Zwischenstände statt Ratgeberfloskeln.
Solche Zwischenstände aus meinem Unternehmer-Alltag teile ich regelmäßig im Newsletter — ohne Floskeln, mit ehrlichen Learnings. Auch dann, wenn ein Experiment scheitert.
Quellen
- Bitkom: „Der Job reist mit: Zwei Drittel sind im Urlaub erreichbar“, 22. Juli 2026 — repräsentative Befragung von 1.004 Personen ab 16 Jahren, davon 358 berufstätige Sommerurlauber, KW 17–21/2026.
- Bitkom: „Sommer, Sonne, Job — zwei Drittel sind im Urlaub dienstlich erreichbar“, 3. Juli 2025 — repräsentative Befragung von 1.006 Personen ab 16 Jahren, davon 364 berufstätige Sommerurlauber, KW 18–21/2025. Enthält die Aufschlüsselung Selbstständige (87 %) gegenüber Angestellten (63 %).
FAQ: Mindset & Unternehmertum
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Ist es ein Problem, im Urlaub erreichbar zu sein? +
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Keynote Speaker, KI-Experte und Unternehmer mit mehr als 20 Jahren Erfahrung. Mit über 600 Vorträgen im deutschsprachigen Raum, als ehemaliger Bundesvorsitzender der Jungen Unternehmer und Aufsichtsrat einer Genossenschaftsbank verbindet er unternehmerisches Denken mit konkreter KI-Expertise.