KI-Nation 2035: Warum 2030 das falsche Jahr ist.
Am 2. November 2026 legt die Bundesregierung ihren Plan „Deutschland als KI-Nation 2030“ vor. Er ist der beste Plan, den dieses Land seit 2018 hatte. Eine Frage beantwortet er nicht: Was passiert mit ihm am Wahlabend 2029?
- Der beste Plan seit 2018. Und trotzdem zu kurz.
- Drei Kalender, in denen 2030 nicht vorkommt
- Was die Agenda 2030 richtig macht. Und wo sie endet.
- Was „führend“ 2035 heißen muss
- Fünf Hebel, je eine Entscheidung mit Datum
- Die eigentliche Idee: eine Agenda, die Wahlen überlebt
- Was es kostet: eine Mütterrente plus Gastro-Mehrwertsteuer
- Drei Termine, an denen sich alles entscheidet
- Was Deutschland bewusst nicht tun sollte
- Zwei Versionen von 2035
Der beste Plan seit 2018. Und trotzdem zu kurz.
Am 2. November 2026 legt die Bundesregierung auf dem Digital-Gipfel ihren Plan „Deutschland als KI-Nation 2030“ vor. 18 Schlüsselmaßnahmen, rund 50 Kennzahlen, 440 gezählte KI-Programme des Bundes, und ein Satz, den ich so aus einem Regierungsdokument noch nicht gelesen habe: Das Zeitfenster, um den Abstand zu verringern, schließe sich bald. Die nächsten zwölf bis achtzehn Monate seien entscheidend.
Ich habe den Bericht zweimal gelesen. Er ist der beste Plan, den dieses Land seit 2018 hatte. Damals erschien mein Buch „Digitaler Suizid“ mit der These, dass uns nicht die Technologie fehlt, sondern die Geschwindigkeit der Anpassung. Acht Jahre später sitze ich mit demselben Gefühl vor einem besseren Papier.
Denn eine Frage beantwortet der Bericht nicht: Was passiert mit diesem Plan am Wahlabend 2029?
Kein Euro steht drin. Keine Frist vor 2030. Kein Gesetz, kein Vertrag mit den Ländern, kein Partner außer den Ministerien, die ihn geschrieben haben. Ein Plan, der bis zum Ende der nächsten Legislatur reicht und das Zukunft nennt, ist Verhandlungsmasse. Das ist kein Vorwurf an die Taskforce. Es ist der Grund, warum ich den Plan ernst nehme und ihn zu Ende denke: bis 2035, mit Zahlen, Geld, Terminen und einer Konstruktion, die Regierungswechsel überlebt.
Dieser Artikel ist die Kurzfassung meines Whitepapers „So wird Deutschland führende KI-Nation bis 2035“. Er liefert die Argumente, die Kennzahlen und die drei Termine, an denen sich alles entscheidet. Die Herleitung, alle zwölf Zielwerte, die Finanzierungstabelle und die Roadmap mit rund 40 Deadlines stehen im Whitepaper.
So wird Deutschland führende KI-Nation bis 2035
Alle zwölf Zielwerte, sieben Handlungsfelder mit je fünf Maßnahmen, die Finanzierungstabelle und die Roadmap mit rund 40 Deadlines.
Drei Kalender, in denen 2030 nicht vorkommt
Der Kalender der Technologie. Joseph Schumpeter hat beschrieben, wie Basisinnovationen ganze Wirtschaftsordnungen umbauen. Nikolai Kondratjew hat die langen Wellen gezählt: Dampfmaschine, Eisenbahn, Elektrizität, Automobil, Informationstechnik. Jede brauchte vom ersten Einsatz bis zur breiten Produktivitätswirkung zwei bis drei Jahrzehnte. Carlota Perez nennt die erste Hälfte Installationsphase: spekulativ, kapitalgetrieben, blasenanfällig. Dann ein Wendepunkt, historisch meist eine Korrektur. Erst danach kommt die Technologie in der realen Wirtschaft an. KI ist 2026 mitten in der Installationsphase, die Hyperscaler bauen Rechenzentren für Hunderte Milliarden, oft auf Kredit. Wer 2030 Bilanz zieht, misst den Beton. Das Haus steht 2035.
Der Kalender der Demografie. Bis 2036 erreichen laut Statistischem Bundesamt rund 12,9 Millionen Erwerbspersonen das Rentenalter, etwa ein Drittel der heutigen Erwerbsbevölkerung. Die Babyboomer nehmen Prozesswissen mit, das in keinem System dokumentiert ist. Die Frage für jeden Mittelständler lautet nicht, ob KI Arbeitsplätze kostet. Sie lautet, ob die Arbeit noch erledigt wird, wenn die Leute weg sind. Dieses Problem ist 2030 nicht gelöst. Es erreicht 2030 erst seinen Höhepunkt.
Der Kalender der Politik. Zwischen heute und 2035 liegen zwei Bundestagswahlen, 2029 und 2033. Eine Agenda bis 2030 wird im Wahlkampf 2029 verhandelt. Eine Agenda bis 2035, die institutionell abgesichert ist, zwingt die nächste Regierung, sie fortzuschreiben statt neu zu erfinden. Dass das geht, zeigt der Pakt für Forschung und Innovation: seit 2005 in Kraft, vier Regierungen überlebt, weil er als Bund-Länder-Vertrag mit festen Steigerungsraten gebaut wurde.
Und ein vierter Kalender, der die anderen drei schlägt: Bildung wirkt mit zehn Jahren Verzögerung. Ein Kind, das 2027 eingeschult wird, verlässt 2037 die Schule. Eine Lehrkraft, die 2027 ihr Studium beginnt, steht 2032 zum ersten Mal vor einer Klasse. Eine Strategie bis 2030 kann Bildung deshalb nur als Fußnote behandeln. Genau das tut der Taskforce-Bericht.
In meinen Vorträgen nutze ich dafür ein Bild aus der Energietechnik: Deutschland verbraucht seine Überbrückungszeit, ohne das Aggregat zu starten. Eine unterbrechungsfreie Stromversorgung löst kein Problem, sie kauft Zeit, bis die eigentliche Lösung läuft. Wir haben seit 2018 Zeit gekauft: mit Exporten, mit Substanz, mit dem Ruf des Mittelstands. Die Batterie ist nicht leer. Aber sie lädt nicht mehr nach.
Was die Agenda 2030 richtig macht. Und wo sie endet.
Fünf Dinge macht der Plan besser als jede Strategie davor. Er misst, zum ersten Mal mit Zielwerten, an denen man eine Regierung festnageln kann: 80 Prozent der Großunternehmen und 55 Prozent der KMU nutzen KI, 90 Prozent der Bundesbehörden haben eine produktive Anwendung, die KI-Rechenkapazität wächst um 300 Prozent. Er macht den Staat zum Kunden, mit Pilotbeschaffung und Venture Clienting. Er will die Datenschutzaufsicht bündeln, das meistgenannte KI-Hemmnis des Mittelstands. Er setzt auf Industrie-KI statt auf einen deutschen ChatGPT. Und er verspricht einen Effizienz-Check der 440 Programme.
Sechs Gründe, warum das so nicht reicht:
- Kein Euro. Die Ziele „begründen weder Finanzierungsentscheidungen“ noch greifen sie dem Haushalt vor, schreibt die Taskforce selbst. Der einzige Betrag im Dokument sind 125 Millionen für einen SPRIND-Wettbewerb.
- Keine Frist vor 2030. Dazwischen liegt eine Bundestagswahl.
- Gefühle als Kennzahl. 75 Prozent der Bevölkerung sollen „offen für KI“ sein, 85 Prozent der Unternehmen einen Vorteil „sehen“. Das sind Umfragewerte, keine Ergebnisse. Und beim wichtigsten Ziel, 55 Prozent KMU, fehlt die Zählweise: Nach Bitkom wäre es heute schon erreicht, nach Destatis ist es ambitioniert.
- Der Strompreis kommt im gesamten Bericht nicht vor. Netzanschlüsse einmal, als Unterpunkt.
- Die Frontier-Säule widerspricht der eigenen Diagnose. Drei europäische Frontier-Labs und ein Modell mit 70 Prozent Referenzleistung, bei Faktor 70 Kapitalabstand zu den USA: 3,9 Milliarden Dollar private KI-Investitionen in Deutschland gegen 286 Milliarden dort, laut Stanford AI Index 2026.
- Die Umsetzer saßen nicht am Tisch. Die Taskforce bestand aus Ministerien. Länder und Kommunen sind „nicht gebunden“, der Mittelstand ist Zielgruppe, nicht Autor.
Und ein siebter Punkt, der für mich der wichtigste ist: Bildung kommt als Maßnahme 13 vor, als Wettbewerb und als „Prozess mit den Ländern“. Kein Zielwert für Schulen, keiner für Lehrkräfte, keiner für die Berufsausbildung. Dabei erreichen laut ICILS 2023 über 40 Prozent der deutschen Achtklässler nur die unteren beiden von fünf Kompetenzstufen, 2018 waren es 33. Eine KI-Nation mit sinkender Grundkompetenz ist ein Widerspruch in sich.
Die Agenda 2030 ist deshalb nicht der Gegner. Sie ist das Fundament. Was fehlt, sind Horizont, Geld, Fristen, Bildung, Verbindlichkeit und die Akteure jenseits der Ministerien.
Was „führend“ 2035 heißen muss
„Führend“ ist ein gefährliches Wort. Es verführt dazu, sich mit den USA zu vergleichen und zu verlieren. Wer Faktor 70 hinten liegt, holt nicht auf. Er sucht sich ein anderes Spielfeld. Meine Definition, die Deutschland gewinnen kann: Deutschland ist 2035 das Land, in dem KI am tiefsten in der realen Wirtschaft steckt, in Fabriken, Werkstätten, Praxen, Ämtern und Klassenzimmern. Es betreibt jedes relevante Modell auf eigener oder europäischer Infrastruktur und kann wechseln. Es bildet mehr Menschen im Umgang mit KI aus als jedes andere Land seiner Größe. Es führt bei Industrie-KI und Robotik, weil es die Daten und Kunden hat, die anderen fehlen.
Nicht Modelle bauen, sondern Modelle nutzen. Nicht Autarkie, sondern Wechselfähigkeit. Nicht Gipfel, sondern Fläche.
Daraus folgen im Whitepaper zwölf messbare Ziele, jedes mit Basis, Zwischenziel 2030 und Ziel 2035, jedes mit einer existierenden Statistik gemessen, damit niemand 2035 die Zählweise wechselt. Die sechs wichtigsten:
| Kennzahl (Quelle) | Basis 2025 | 2030 | 2035 | Taskforce 2030 |
|---|---|---|---|---|
| KI-Nutzung Unternehmen ab 10 Beschäftigte (Destatis) | 26 % | 60 % | 85 % | 55 % KMU, Zählweise offen |
| Industrie-KMU mit KI in Produktion, Qualität oder Engineering (neu zu erheben) | ca. 5 % | 25 % | 50 % | kein Ziel |
| Mediane Genehmigungsdauer Industrieanlage (BImSchG) | 12–14 Monate | 6 Monate | 4 Monate | kein Ziel |
| Netzanschluss Rechenzentrum, Median an Vorrangstandorten | 5–7 Jahre | 24 Monate | 18 Monate | 2,5 Jahre bis Inbetriebnahme |
| Achtklässler auf ICILS-Kompetenzstufe 1–2 | 40 % (2023) | 30 % | 20 % | kein Ziel |
| Lehrkräfte mit nachgewiesener KI-Fortbildung (KMK) | unter 20 % | 70 % | 100 % | kein Ziel |
Drei Dinge fallen auf. Vier der zwölf Ziele im Whitepaper betreffen Bildung und Kompetenz, der Taskforce-Bericht hat dafür ein einziges Input-Ziel. Kein Ziel misst Stimmungen. Und kein Ziel hängt vom Kapitalmarkt ab: Unicorns und Bewertungen entscheidet nicht die Politik, also sollte sie sich nicht daran messen lassen. Gemessen wird, was der Staat beeinflussen kann: Genehmigungszeiten, Netzanschlüsse, Lehrkräfte, Gründungen, Anwendungstiefe.
Alle zwölf Zielwerte mit Quellen
Jedes Ziel mit Basis, Zwischenziel 2030 und Ziel 2035, gemessen an einer Statistik, die es heute schon gibt.
Fünf Hebel, je eine Entscheidung mit Datum
Das Whitepaper hat sieben Handlungsfelder mit je fünf Maßnahmen. Hier die fünf, die am meisten bewegen, mit der einen Entscheidung, an der man 2027 erkennt, ob es ernst gemeint ist.
1. Bildung: der KMK-Beschluss, der keine Milliarde kostet. Stell dir eine Achtklässlerin in einer Realschule im Ruhrgebiet vor, Jahrgang 2012. Sie macht 2030 ihren Abschluss und steht 2035 mitten im Berufsleben. Nach ICILS 2023 gehört sie mit über 40 Prozent Wahrscheinlichkeit zu denen, die eine Internetseite öffnen, aber nicht beurteilen können, ob die Information stimmt. Der Digitalpakt hat seit 2019 6,5 Milliarden in Geräte gesteckt, und die Kompetenzen sind trotzdem gesunken. Die Entscheidung: KI- und Informatikgrundbildung als Pflicht ab Klasse 5 in allen 16 Ländern, beschlossen von der Kultusministerkonferenz bis Ende 2027. Bayern, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern haben Informatik bereits verpflichtend. Dazu 100 Prozent der rund 800.000 Lehrkräfte mit KI-Fortbildung bis 2035 und ein Schulbudget von 50 Euro pro Schüler und Jahr, das ohne Antrag ausgegeben werden darf. Die Lehre aus dem ersten Digitalpakt: Autonomie ist billiger als Bürokratie.
2. Innovation nach Schumpeter: Neues finanzieren, Altes loslassen. Die meisten zitieren von der schöpferischen Zerstörung nur die erste Hälfte. Deutschland ist Weltmeister in dieser Hälfte und Verweigerer in der zweiten: 440 KI-Maßnahmen allein auf Bundesebene, jede mit Lobby, keine mit Ablaufdatum. Die SPRIND bekommt gut 200 Millionen im Jahr; ihr Direktor Rafael Laguna hatte 700 gefordert, die DARPA hat rund vier Milliarden Dollar. Vollerwerbsgründungen stagnieren laut KfW das dritte Jahr bei 207.000. Die Entscheidung: 440 Programme bis Ende 2027 auf höchstens 100 konsolidieren, jedes mit Ablaufdatum, das frei werdende Geld in die SPRIND, die bis 2030 auf eine Milliarde wächst. Dazu Gründung in 24 Stunden und Restschuldbefreiung in zwölf Monaten statt drei Jahren. Ich habe elf Unternehmen gegründet, eines davon ein Kaviar-Startup, das gescheitert ist. Was Scheitern in Deutschland kostet, ist nicht das Geld. Es ist der Stempel.
3. Mittelstand: Umsetzung statt Sensibilisierung. 74 Prozent der Unternehmen ab zehn Beschäftigten nutzen laut Destatis keine KI. Wer sie nutzt, nutzt laut KfW vor allem Text; Datenanalyse liegt bei drei Prozent. Der stärkste Prädiktor für KI-Erfolg ist nicht die Größe und nicht die Förderung, sondern ob ein Betrieb eine Digitalisierungsstrategie hat: 35 gegen 19 Prozent. Das ist meine 30/70-Regel: 30 Prozent Technologie, 70 Prozent Mensch, Führung, Kultur. Die meisten Programme fördern die 30. Die Entscheidung: ein Umsetzungsbonus ab 1. Juli 2027, 50 Prozent Zuschuss bis 50.000 Euro für den ersten produktiven Anwendungsfall im Kernprozess, ausgezahlt bei Live-Betrieb, nicht bei Konzeptabgabe. Und Destatis misst ab 2027, ob KI im Kernprozess steckt. Zur Ehrlichkeit gehört: Das ist mein Geschäft. Ich verdiene mein Geld damit, Mittelständlern genau das beizubringen. Die Destatis-Zahlen stehen hier, damit du das Argument prüfen kannst, nicht meine Interessen.
4. Staat: Ankerkunde mit Frist. Friedrich Merz hat im Mai 2026 beim ZVEI gesagt, die Bundesregierung werde „alles tun“, um bei den großen Rechenzentren Ankerkunde zu werden. Die Taskforce hat daraus Maßnahme 7 gemacht. Richtig, und es ist der zweitgrößte Hebel überhaupt: Nachfrage für europäische Anbieter, schnellere Verfahren, KI, die Bürger als Verbesserung erleben. Die Ausgangslage: Von über 7.500 Verwaltungsleistungen des Onlinezugangsgesetzes sind gut 800 digital verfügbar, der Bundesrechnungshof zählt fünf von 23 Modernisierungsprojekten als abgeschlossen. Die Entscheidung: 25 Massenverfahren KI-gestützt bis Ende 2027, 50 bis 2030, alle bis 2035. Baugenehmigung, Elterngeld, Kfz-Zulassung, Gewerbeanmeldung zuerst, der Mensch entscheidet, die KI prüft und bereitet vor. Dazu Souveränitätskriterien in jeder Ausschreibung statt einer angreifbaren Herkunftsquote und Pilotverträge für Startups in acht Wochen statt zwei Jahren.
5. Infrastruktur: Strom entscheidet, nicht Absicht. München, 4. Februar 2026: Die Telekom nimmt knapp 10.000 GPUs in Betrieb, und mit dieser einen Anlage wächst die KI-Rechenkapazität Deutschlands um die Hälfte. So klein ist die Basis. Fünf Wochen später teilt Mainova mit, dass große Netzanschlüsse in Frankfurt erst ab Mitte der 2030er wieder möglich sind. Die Taskforce will 300 Prozent mehr Rechenkapazität und erwähnt den Strompreis kein einziges Mal. Ein Zielwert ohne Mechanismus ist ein Wunsch. Die Entscheidung: Netzanschluss nach Reifegrad statt nach Eingang, wer reserviert und nicht baut, verliert die Kapazität nach 24 Monaten. Vorrangstandorte an alten Kraftwerken im Norden und Osten, wo Umspannwerke stehen. Eine Gigafactory nur mit unterschriebenen Ankerkunden, sonst entsteht eine teure Halle. Und die Datenschutzaufsicht bis Ende 2027 gebündelt, weil 18 Behörden dieselbe DSGVO 18-mal auslegen.
Regulierung und Souveränität sowie Arbeit und Gesellschaft sind die Handlungsfelder sechs und sieben. Kurzfassung: AI Act eins zu eins ohne nationales Gold-Plating, Pflicht zur Exit-Fähigkeit für jedes KI-System in Verwaltung und kritischer Infrastruktur, ein Übergangsfonds für Berufswechsel ab 2028. Wer Zerstörung zulässt, muss Übergänge bezahlen. Die Details stehen im Whitepaper.
Die eigentliche Idee: eine Agenda, die Wahlen überlebt
Im Oktober 2020 übergab die Enquete-Kommission Künstliche Intelligenz des Bundestages ihren Abschlussbericht: zwei Jahre Arbeit, 19 Abgeordnete aller Fraktionen, 19 Sachverständige, Hunderte Handlungsempfehlungen. Sechs Jahre später stellt die KI-Taskforce fest, der Abstand zu den USA wachse. Die Enquete ist der Beweis dafür, dass Deutschland kein Erkenntnisproblem hat. Es hat ein Verbindlichkeitsproblem. Ihre Empfehlungen gehörten niemandem.
Die Frage, die über diese Agenda entscheidet, ist deshalb nicht, was drinsteht. Sondern: Wer ist 2031 noch daran gebunden? Deutschland hat dafür drei erprobte Modelle. Keines stammt aus der KI-Politik. Alle drei haben Regierungswechsel überlebt.
Die Kommission mit Gesamtpaket. Die Alterssicherungskommission, im Dezember 2025 eingesetzt, 13 unabhängige Mitglieder, hat im Juni 2026 33 Empfehlungen vorgelegt, ausdrücklich als Paket. Nur das Ganze wird verhandelt, nicht die Einzelmaßnahme. Für KI: eine KI-Kommission 2035, eingesetzt bis Mitte 2027, Bericht bis Ende 2027, besetzt mit Wissenschaft, Sozialpartnern, Ländern, Kommunen, Mittelstand, Startups und Zivilgesellschaft. Nicht mit Ministerien.
Das Gesetz mit Zielen und Expertenrat. Das Klimaschutzgesetz schreibt Ziele ins Gesetz, lässt sie von einem unabhängigen Rat prüfen und verpflichtet zur Nachsteuerung. Das Prinzip hat ein Gericht bestätigt: Wer Ziele ins Gesetz schreibt, muss sich daran festhalten lassen. Südkorea geht mit seinem AI Basic Act seit Januar 2026 genau diesen Weg, mit verpflichtendem Fünfjahresplan und Budgets. Für KI: ein KI-Rahmengesetz mit den zwölf Zielwerten, einem Expertenrat KI, einem jährlichen Prüfbericht an den Bundestag und Nachsteuerungspflicht binnen sechs Monaten. Beschlossen vor der Wahl 2029, sonst wird es Wahlkampf.
Der Bund-Länder-Pakt mit Geld gegen Leistung. Der Pakt für Forschung und Innovation garantiert seit 2005 feste Steigerungen, aktuell drei Prozent im Jahr über zehn Jahre, rund 120 Milliarden Euro. Er hat vier Regierungen überlebt, weil er ein Vertrag ist, kein Haushaltsposten. Für KI: ein KI-Pakt 2035 mit zehn Jahren Laufzeit, festen Beträgen für Bildung, Verwaltung und Umsetzungsförderung, und Länderpflichten im Gegenzug: KMK-Beschluss, Lehrkräftefortbildung, gebündelte Aufsicht, Genehmigungsfristen. Wer nicht liefert, bekommt nicht.
Das vierte Element sind die Akteure selbst. Ein KI-Rat aus Sozialpartnern, Ländern, Kommunen, Kammern, Verbänden, Startups, Wissenschaft und Zivilgesellschaft, mit Stellungnahmerecht zu jedem Prüfbericht, einer jährlichen Anhörung im Bundestag und einem öffentlichen Dashboard aller Kennzahlen bei Destatis. Wer unterschreibt, ist gebunden. Wer gebunden ist, verteidigt die Agenda im nächsten Wahlkampf.
Keines dieser Instrumente war je parteipolitisch umstritten in der Sache, nur in der Höhe. Genau so muss die Agenda 2035 gebaut sein: Man kann über die Höhe streiten. Nicht über die Existenz.
Was es kostet: eine Mütterrente plus Gastro-Mehrwertsteuer
Der Taskforce-Bericht nennt keinen Betrag. Das Whitepaper nennt einen, als Größenordnung, nicht als Haushaltsrechnung: rund sieben bis zehn Milliarden Euro neues Geld im Jahr bis 2030, danach neun bis elf, weil Bildung und Übergangsfonds hochlaufen. Der größte Posten ist der Umsetzungsbonus für den Mittelstand, der zweitgrößte die Bildung, je hälftig von Bund und Ländern getragen. Zur Einordnung, was der Bund sonst pro Jahr ausgibt:
| Posten | Mrd. € pro Jahr |
|---|---|
| KI-Agenda 2035, neues Geld bis 2030 | 7–10 |
| Mütterrente III (Deutsche Rentenversicherung) | 5 |
| Mehrwertsteuersenkung Gastronomie | 3,4 |
| Stromsteuersenkung 2027 | 4,6 |
| Zuschuss zu den Netzentgelten | 5,5 |
| EEG-Zuschuss | 16,5 |
Die Zinsen auf die Bundesschulden kommen nicht in die Tabelle, weil sie den Maßstab sprengen: 41,9 Milliarden 2027, 80,7 Milliarden 2030.
Das ist finanzierbar. Aber nicht zusätzlich. In der Finanzplanung fehlen für 2027 bis 2029 rund 172 Milliarden Euro, laut Finanzministerium die größte Lücke in der Geschichte der Bundesrepublik. Wer in diesem Umfeld zehn Milliarden will, muss sagen, woher. Vier Quellen, in dieser Reihenfolge: das Sondervermögen für alles Investive, aus dem 2027 54,9 Milliarden fließen und in dem KI in Wirtschaft und Verwaltung heute mit rund 495 Millionen steht, nicht einmal ein Prozent. Der Effizienz-Check als echte Quelle: 440 Programme auf 100, nach meiner Schätzung ein bis zwei Milliarden im Jahr. Umschichtung im Kernhaushalt für die laufenden Ausgaben, und welcher Posten dafür weicht, ist eine Wertentscheidung, die in den Bundestag gehört, nicht in ein Whitepaper. Und der Pakt als Bremse gegen Kürzungen.
Das stärkste Gegenargument kenne ich: Der Produktivitätsgewinn durch KI ist bisher Hoffnung, keine gebuchte Rendite. Wer die Agenda damit rechtfertigt, sie finanziere sich selbst, verkauft Wunschdenken. Ehrlicher ist: Die Hälfte der Maßnahmen zahlt sich in jedem Szenario aus, auch wenn der Hype 2028 platzt. Eine Verwaltung, die in vier Monaten genehmigt. Ein Bildungssystem, das Urteilskraft vermittelt. Eine Aufsicht mit einer Stimme. Die andere Hälfte sind Wetten: Gigafactory, Compute-Subventionen, Frontier-Beteiligungen. Wetten führt man mit Ankernutzern, Ausstiegsklauseln und Ablaufdatum. Die robuste Hälfte zuerst.
Drei Termine, an denen sich alles entscheidet
Die Roadmap im Whitepaper hat drei Phasen und rund 40 Meilensteine, jeder mit Datum, Verantwortlichem und Prüfinstanz. Was kein Datum hat, passiert nicht. Drei Termine sind wichtiger als alle anderen:
- Frühjahr 2027, Haushalt 2028. Steht dort kein Titel „KI-Nation“ mit Betrag, war der Digital-Gipfel ein Gipfel. Dazu gehören bis Ende 2027 die Entscheidungen, die kein Geld kosten und die Richtung festlegen: der KMK-Beschluss, die Konsolidierung der 440 Programme, die gebündelte Datenschutzaufsicht, die KI-Kommission 2035 mit ihrem Bericht als Gesamtpaket.
- Sommer 2028, Gesetz und Pakt. Stehen KI-Rahmengesetz und KI-Pakt 2035 nicht vor der Bundestagswahl 2029, werden sie Wahlkampfmasse. Ende 2028 die erste Zwischenbilanz: mindestens 40 Prozent KI-Nutzung nach Destatis, mindestens 1,2 Gigawatt KI-Rechenkapazität.
- Ende 2030, die Abschaltung. Zweite Zwischenbilanz und Evaluation aller Programme: 60 Prozent Destatis, 25 Prozent Kernprozess, 50 Massenverfahren, 6 Gigawatt, 70 Prozent fortgebildete Lehrkräfte. Jedes Instrument, das seine Zielwerte verfehlt, wird abgeschaltet. Wird dort nicht abgeschaltet, was nicht wirkt, wird nie abgeschaltet.
Und ein Termin, der näher liegt als alle drei: Am 12. November 2026 endet die EU-Frist für die Gigafactory-Bewerbungen. Deutschland tritt mit mehreren an, nachdem das Konsortium aus Telekom, SAP, Siemens, Ionos und Schwarz zerbrochen ist. Eine Bewerbung mit unterschriebenen Ankerkunden ist eine Investition. Eine ohne ist das teuerste Denkmal, das man einer Strategie bauen kann.
Was Deutschland bewusst nicht tun sollte
Eine Agenda ist auch eine Liste von Nicht-Entscheidungen. Das Whitepaper streicht acht Forderungen, die in Positionspapieren regelmäßig auftauchen. Vier davon:
- Kein staatlich finanzierter deutscher ChatGPT. Bei Faktor 70 Kapitalabstand ist das ein Subventionsgrab. Aleph Alpha hat es versucht, 2024 das eigene Basismodell aufgegeben und gehört heute zum kanadischen Cohere. Die Lehre sollte reichen.
- Keine Sofortabschreibung für KI-Software. Sie steht in fast jedem Forderungskatalog und existiert seit 2021: Das Finanzministerium erlaubt für Hardware und Anwendersoftware eine Nutzungsdauer von einem Jahr. Wer sie fordert, hat nicht nachgeschaut.
- Keine Stimmungskennzahlen als Ziel. Ob sich 75 Prozent der Bevölkerung „offen für KI“ fühlen, ist eine Umfrage. Akzeptanz entsteht, wenn der Elterngeldantrag in drei Tagen bewilligt ist, nicht durch eine Kampagne.
- Keine neue Strategie. Es gibt die Hightech Agenda, die KI-Roadmap, die Rechenzentrumsstrategie, die Modernisierungsagenda und jetzt den Taskforce-Bericht. Das reicht an Papier. Was fehlt, sind Geld, Fristen, Gesetz, Pakt und Akteure, die unterschreiben.
Zwei Versionen von 2035
Stell dir einen Maschinenbauer im Sauerland vor, 140 Beschäftigte, Sonderanlagen für die Lebensmittelindustrie.
In der ersten Version hat er 2027 den Umsetzungsbonus genutzt und seine Angebotserstellung automatisiert: aus drei Tagen wurden drei Stunden. Als 2029 vier Monteure in Rente gingen, hat er zwei nachbesetzt, mit Auszubildenden, die KI-Module in der Berufsschule hatten. Die Baugenehmigung für die neue Halle kam 2031 nach vier Monaten, weil das Landratsamt die Anträge mit demselben System vorprüft, das der Bund 2028 ausgerollt hat. Seine Tochter, Jahrgang 2012, hat 2030 die Realschule mit Informatik verlassen und macht bei ihm eine Ausbildung. Er zahlt für ein US-Modell, könnte aber in zwei Wochen wechseln. 2035 hat er 150 Beschäftigte, nicht weil KI Jobs geschaffen hat, sondern weil sie ihm erlaubt hat, Aufträge anzunehmen, für die er sonst keine Leute gehabt hätte.
In der zweiten Version gibt es drei neue Strategiepapiere. Die Gigafactory steht, ist halb ausgelastet und sucht Ankerkunden. Der Maschinenbauer hat eine Lizenz für das Büro. Seine Angebote schreibt der Vertriebsleiter, der 2031 in Rente gegangen ist, als freier Berater weiter, weil niemand nachgekommen ist. Die Halle wartet seit 14 Monaten auf die Genehmigung. Seine Tochter studiert in Rotterdam. Und die Rechnung für die KI-Tools geht nach Kalifornien, ohne dass irgendjemand weiß, was sie bringen.
Beide Versionen kosten den Bund ungefähr gleich viel. Der Unterschied liegt nicht im Geld. Er liegt darin, ob 2027 jemand angefangen hat, und ob 2029 jemand gebunden war, weiterzumachen.
Ich habe 2018 geschrieben, der digitale Niedergang Deutschlands sei kein Unfall, sondern eine Entscheidung. Acht Jahre später halte ich daran fest, mit einem Zusatz, den ich damals nicht hatte: Die Rettung ist es auch.
Und für dich als Unternehmer gilt ein eigener Absatz: Fass morgen einen Prozess an, der Geld kostet. Angebote, Qualität, Instandhaltung. Hol den Betriebsrat ab Tag eins dazu. Bau so, dass du das Modell wechseln kannst. Und warte nicht auf Berlin. Der Taskforce-Bericht gilt für Berlin. Dieser Absatz gilt für dich.
Was hält dich davon ab, morgen anzufangen? Der Bundeshaushalt ist es nicht.
Das vollständige Whitepaper
„So wird Deutschland führende KI-Nation bis 2035. Wo die KI-Agenda 2030 Impulse setzt und wie sie erweitert werden muss“ enthält alle zwölf Zielwerte mit Quellen, sieben Handlungsfelder mit je fünf Maßnahmen, die Finanzierungstabelle nach Handlungsfeld, die drei Governance-Modelle im Detail und die Roadmap 2026 bis 2035 mit rund 40 Deadlines.
Originalbericht: KI-Taskforce der Bundesregierung, Ergebnisbericht „Deutschland als KI-Nation 2030“ vom 2. November 2026 (PDF, 971 KB). Einordnung der Bundesregierung: Fragen und Antworten zu Künstlicher Intelligenz.
FAQ: KI im Mittelstand
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Keynote Speaker, KI-Experte und Unternehmer mit mehr als 20 Jahren Erfahrung. Mit über 600 Vorträgen im deutschsprachigen Raum, als ehemaliger Bundesvorsitzender der Jungen Unternehmer und Aufsichtsrat einer Genossenschaftsbank verbindet er unternehmerisches Denken mit konkreter KI-Expertise.