Speaker's Cut #005: Jubiläumsedition — Demut, Zuhören und die Lücke zwischen Wissen und Tun
Vier Firmenjubiläen, ein Satz vom 40-Jahre-Unternehmer und ein Begriff aus meiner Doktorarbeit: Warum Wissen allein bei KI nichts bringt.
Leinfelden-Echterdingen, kurz vor 17 Uhr. Der Tag hat um 3:30 Uhr angefangen, ich habe heute zwei Vorträge gehalten und deutlich mehr Kuchen gegessen, als die Zeh-Squats am Ende wieder rausreißen. Ihr seht es mir an. Trotzdem: Ritual ist Ritual, also zehn Squats vor der Kamera, dann Aufnahme.
Diese Folge heißt Jubiläumsedition, weil ich in den letzten Wochen auf vier Firmenjubiläen sprechen durfte — unter anderem bei 10 Jahre nova:med, bei 40 Jahre Wöhrle Stromversorgungssysteme und bei 100 Jahre ECO Schulte in Menden. Zehn, vierzig, hundert Jahre. Ich war Speaker, aber vor allem war ich Zuhörer. Hier sind die drei Dinge, die hängengeblieben sind.
Erkenntnis 1: Demut
Du stehst auf einer Bühne in einer Werkhalle, vor dir sitzen Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, die Familie des Gründers. Hinter dir hängt ein Logo, das es seit 1926 gibt. Und du sollst jetzt etwas über KI erzählen.
Das relativiert einiges. Was diese Leute da aufgebaut haben, egal ob in 10, 40 oder 100 Jahren, ist immens. ECO Schulte hat 1926 mit Devotionalien angefangen, mit religiösen Andenken. Heute sichern sie Türen auf der ganzen Welt, von der Türschließertechnik bis zum vernetzten Türmanagement. Wöhrle wurde von Uwe Wöhrle und seinem Vater gegründet und beschäftigt heute knapp 100 Menschen in der Stromversorgung. Niemand von denen hat vor einer Kamera gesessen und über Disruption philosophiert. Sie haben Produkte gebaut, Kunden gehalten, Krisen überstanden.
Für mich ist das, was Deutschland auszeichnet: der Mittelstand. Nicht die Talkshow, sondern die Werkhalle. Laut IfM Bonn arbeiten 19 von 36 Millionen abhängig Beschäftigten in Deutschland in kleinen und mittleren Unternehmen, mehr als die Hälfte. Das sind die Betriebe, die Verantwortung übernehmen, Ideen haben und sie umsetzen, ohne dass jemand hinschaut. Ja, die Konzerne gehören auch dazu, und ich arbeite gern mit ihnen. Aber an diesen vier Abenden habe ich gesehen, woraus dieses Land gebaut ist. Das stimmt mich positiv, und das sage ich nicht oft.
Erkenntnis 2: Zuhören — der Rat an den 19-Jährigen
Beim 40-jährigen Jubiläum hat der Gründer etwas gesagt, das ich mir aufgeschrieben habe. Die Frage war, was er seinem 19-jährigen Ich raten würde. Seine Antwort: zuhören.
Nicht Visionen entwickeln. Nicht Märkte erobern. Zuhören. Den Kunden zuhören, dem Markt zuhören, das Problem erkennen. Daraus eine Idee entwickeln, aus der Idee eine Lösung machen, aus der Lösung ein Produkt schnüren. Und dann wieder von vorn.
Ich stand daneben und dachte: Das ist Build-Measure-Learn. Exakt das, was ich in meinen Vorträgen erzähle, wenn ich über Lean Startup rede. Nur dass dieser Mann das Buch nie gebraucht hat. Er hat es 40 Jahre lang einfach gemacht, lange bevor jemand einen englischen Namen dafür erfunden hat.
Was mich daran trifft: Zuhören ist das, was in der KI-Diskussion am meisten fehlt. Alle reden. Über Tools, über Modelle, über Agenten. Wer hört seinen Kunden zu und fragt, welches Problem sie eigentlich gelöst haben wollen? Aktives Zuhören war schon 2020 die unterschätzte Führungskompetenz. 2026 ist es die unterschätzte KI-Strategie.
Erkenntnis 3: Sich verändern oder verändert werden
Noch ein Satz vom selben Abend: „Sich verändern oder verändert werden.“ Das Unternehmen, das dieser Gründer vor 40 Jahren aufgebaut hat, hat mit dem, was heute an dem Standort steht, im Prinzip nichts mehr zu tun. Andere Produkte, andere Kunden, andere Prozesse. Dasselbe Logo, derselbe Mensch.
Bei ECO Schulte war es noch drastischer: von Devotionalien zur Türtechnik. Hundert Jahre, und das Gründungsprodukt existiert nicht mehr.
Veränderungsbereitschaft ist also ein alter Hut. Was neu ist, sind die Schläuche. Früher hattest du für so einen Wandel Jahrzehnte. Heute verdoppelt sich die Leistungsfähigkeit von KI alle sieben Monate, und dein Unternehmen tut das nicht. Das Prinzip bleibt, das Tempo nicht. Ich habe schon 2019 geschrieben, dass Digitalisierung kein Projekt ist. Die Unternehmer, die ich an diesen Abenden getroffen habe, wussten das schon, bevor ich es aufgeschrieben habe. Sie haben es nur nicht Digitalisierung genannt, sondern Überleben.
Erkenntnis 4: Der Knowing-Doing-Gap
Und jetzt der Punkt, der mir am wichtigsten ist. Zuhören, Problem erkennen, Lösung bauen: Das klingt einfach. Der Haken sitzt zwischen dem zweiten und dritten Schritt. Wir wissen Dinge. Wir tun sie nicht.
Ich habe das in meiner Doktorarbeit Knowing-Doing-Gap genannt. Der Begriff stammt von Jeffrey Pfeffer und Robert Sutton, zwei Professoren der Stanford University, die ihn 2000 in ihrem Buch „The Knowing-Doing Gap“ geprägt haben. Ihr Befund nach vier Jahren Forschung in Unternehmen: Das Problem ist fast nie fehlendes Wissen. Das Problem ist, dass Reden sich wie Handeln anfühlt. Eine Entscheidung treffen fühlt sich wie Handeln an. Einen Plan schreiben fühlt sich wie Handeln an. Ist es aber nicht.
Willst du die Lücke in einer Zahl sehen? Bitkom hat im März 2026 604 Unternehmen ab 20 Beschäftigten befragt. 41 Prozent setzen KI ein, ein Jahr vorher waren es 17. Und 48 Prozent „planen oder diskutieren“ den Einsatz. Diese 48 Prozent sind der Knowing-Doing-Gap. Fast jedes zweite Unternehmen weiß, dass es etwas tun muss, redet darüber, und tut es noch nicht.
Ich nehme mich da nicht raus. Ich rede in jedem Vortrag über KI-Werkzeuge und habe meine eigene Keynote erst im Juli 2026 zum ersten Mal komplett mit KI gebaut. Zwei Tage hat das gedauert, nicht zehn Minuten. Wissen hatte ich vorher. Gemacht habe ich es erst, als ein Termin stand, an dem die Folien fertig sein mussten.
Genau deshalb reicht ein „KI ist wichtig“ als Führungsaussage nicht. Der Knowing-Doing-Gap schließt sich nicht durch eine weitere Strategiesitzung, sondern durch den ersten konkreten Schritt im eigenen Unternehmen: ein Problem, ein Team, ein Termin. Ins Machen kommen. In die Umsetzung kommen. Das ist, mit Verlaub, mega relevant.
Vom Wissen ins Tun — in Deinem Unternehmen.
Du weißt, dass KI kommt. Die Frage ist, womit Du anfängst. Im Erstgespräch finden wir das eine Problem, an dem sich der erste Schritt lohnt — und setzen einen Termin, an dem es läuft.
Was ich mitnehme
Drei Dinge, noch einmal kurz: Demut vor dem, was andere aufgebaut haben. Zuhören, und zwar nicht nur den Kunden und dem Markt, sondern auch den Leuten im eigenen Haus. Und möglichst schnell ins Tun kommen.
Dazu ein Satz, den ich diese Woche in einem Podcast gehört habe und der mich nicht loslässt: Wenn du cool zu anderen bist, sind andere auch cool zu dir. Wenn du andere respektierst, wirst du respektiert. Das gilt fürs Leben, das gilt für Unternehmen und ihre Kunden, und in einer Welt, die sich so schnell verändert wie gerade, kommst du damit weiter als mit jeder Verhandlungstaktik.
Und alles, was ich hier gesagt habe, gilt zu hundert Prozent für KI. Dem Markt zuhören, das Problem im eigenen Unternehmen erkennen, Idee, Lösung, Produkt, neuer Prozess. Alter Wein in neuen Schläuchen. That’s all.
Deshalb meine Frage an dich: Was weißt du seit einem Jahr über KI in deinem Unternehmen, das du immer noch nicht tust?
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Zehn Squats zum Abschluss, Lächeln nicht vergessen. Die letzte Folge aus Landshut findest du hier, alle Folgen gibt es im Blog. Bis bald auf der nächsten Keynote.
Quellen
- Bitkom, Presseinformation vom 11. März 2026: „Digitalisierung der Wirtschaft: Unternehmen beschäftigen sich mit KI“, 604 Unternehmen ab 20 Beschäftigten, bitkom.org
- IfM Bonn, Pressemitteilung vom 16. September 2025 (Daten 2023), zitiert nach DATEV-Magazin
- Jeffrey Pfeffer, Robert I. Sutton: „The Knowing-Doing Gap: How Smart Companies Turn Knowledge into Action“, Harvard Business School Press, 2000, Stanford GSB
- ECO Schulte: „100 Jahre ECO Schulte“, 30. September 2026, eco-schulte.com
- Wöhrle Stromversorgungssysteme: „Ein Mittelständler startet durch“, pressebox.de
FAQ: Speaker's Cut
Was ist der Knowing-Doing-Gap? +
Warum scheitert KI im Mittelstand an der Umsetzung und nicht am Wissen? +
Was heißt Build-Measure-Learn für ein Unternehmen, das seit 40 Jahren existiert? +
Wie komme ich bei KI vom Wissen ins Tun? +
Keynote Speaker, KI-Experte und Unternehmer mit mehr als 20 Jahren Erfahrung. Mit über 600 Vorträgen im deutschsprachigen Raum, als ehemaliger Bundesvorsitzender der Jungen Unternehmer und Aufsichtsrat einer Genossenschaftsbank verbindet er unternehmerisches Denken mit konkreter KI-Expertise.